Tu heute etwas, um morgen ein cooler Opa zu sein!

Am 8.5. habe ich das Glück zusammen mit Johanna Mohrfeldt beim Day of Rights ein Seminar über rassistische Polizeigewalt halten zu können. (Ja, Ihr seid alle herzlich eingeladen. Eintritt ist frei!) Das ist nicht ein Thema, dass besonders gute Laune macht. Wer sich nur eine der wahren Geschichten aus Chronik von KOP durchließt, begreift, dass von der „links-grün versifften Korrektheitsdiktatur“, wie die Fans der AfD den Statusquo nennen, keine Rede sein kann. Vorschnelle Urteile, Durchsuchungen und Angriffe: das ist der Alltag vieler People of Colour, aber vor allem schwarzer Menschen in Deutschland. Das klingt ziemlich abgedroschen, ich weiß. Aber uns allen ist klar: Als weißer Hipster kommst Du ungestört durch den Görlitzer Park, selbst bei einer Polizei-Razzia.
Als Schwarze*r sieht das anders aus, denn Du siehst anders aus.
Oder wie es Van Bo Le-Mentzel, der Autor von Hartz VI-Möbel, ausdrückte: „Wenn du als Weißer dein Kind schlecht behandelst, bist du einfach nur ein Asi. Wenn das Selbe als Schwarzer tust, bist du ein Beweis für die Rückständigkeit Afrikas.“ Das gibt einem zu denken, wie viel wir so haben. Besonders mir als weißem Hipster. In Zeiten wie diesen verlieren wir auch schnell die Hoffnung, dass sich das Ganze irgendwie ändern könnte. In meinem Bücherregal steht in der Ecke „irgendwann mal lesen“ schon lange das Buch „Warum wir nicht warten können“ von Martin Luther King. Gestern hat es mich angelacht und ich habe beschlossen, dass dieses irgendwann jetzt ist. Es ist absolut schrecklich!
Nicht, dass es nicht gut geschrieben wäre. Wir alle wissen, was für ein begnadeter Redner dieser Autor und Pfarrer war. Nicht, dass es nicht inspiriernd wäre. Aus gutem Grund gilt er als die Ikone der „Civil Rights“ Bewegung. Es ist schrecklich, weil es im Jahre 1963 geschrieben wurde. Das ist eigentlich gar nicht so lang her. Kurz bevor meine Mutter geboren wurde. Und doch hat sich ihn ihrer Lebenszeit so viel geändert: Allein in der Einführung verwendet einer der größten Visionäre auf knapp 2 Seiten mehr als 20 Mal das Wort „Neger“. Er sagt: „dieses Mädchen gehörte einem Mann“, wie ein Stück Vieh, und hunderte andere kleine Dinge, die wir uns heute nicht mehr vorstellen können, außerhalb der Montagsproteste in Dresden.
Was heute rechtsextrem ist, war gestern Konsens.
Selbst ein Mensch wie MLK, der seiner Zeit weit voraus war, wirk auf uns so unfassbar gestrig wie von Steinbach oder Seehofer. Dass macht mir unglaublich gute Laune und Lust alt zu werden. Wenn ich mir vorstelle, dass mein Kind ein Buch von Raphael Fellmer oder Harald Welzer (,der übrigens auch am 8. Mai da ist), ließt und sich wundert, wie so etwas mal utopisch sein konnte. Wer weiß, was bis dahin normal sein wird? Vielleicht finden es meine Enkel sogar komisch, dass ich Menschen als schwarz bezeichne, weil sie in solchen Kategorien gar nicht mehr denken. Sie werden es nicht verstehen, dass es zu meiner Zeit im Fernsehen ernsthafte Diskussionen gab, on Frauen nun den gleichen Lohn bekommen sollen. Vielleicht gibt es gar keine Kategorien wie Frauen und Männer, sondern eine eine Skala, auf der sich alle selbst eintragen können. 50% der Leser*innen denken sich grade: was für ein süßer Spinner. Genau, was sich die Zeitgenossen von Gandhi und Nelson Mandela dachten, bis das ganze war wurde. (Und nein, ich denke nicht, dass ich Gandhi bin. Ich bin eher der 1. Follower. Die Ideen sind ja alle nicht von mir.) Aber selbst Mr. King konnte sich nicht erträumen, dass wir heute einen schwarzen Präsidenten als normal verstehen. Ich freu mich schon drauf, von meinen Enkeln zu hören, von welcher Demo sie grad kommen. Ich werde es nicht ganz verstehen können, was sie da wollen. Für mich wird es zu utopisch sein. Und sie werden nicht verstehen können, dass wir tatsächlich täglich 8 Stunden im Büro gesessen haben und noch gegen Kohle demonstrieren gegangen sind und das Grundeinkommen futuristisch fanden. Aber vielleicht werden sie auch stolz sein, was wir für eine Grundlage geschaffen haben, die sie jetzt als selbstverständlich erachten. Wie die Demokratie in ganz Deutschland oder den Mindestlohn. Für mich steht fest: Ich will heute alles tun, um morgen ein cooler Opa zu sein. Oder zumindest cool für meine Zeit…
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