Es geht nicht um den Dativ!

Ich hatte extremes Glück. Von hunderten Bewerbern in der Lostrommel wurde ausgerechnet mein Name gezogen. Und so geschah es, dass der kleine blonde Jonathan mit einem Cowboy-Roboter-Schulranzen in einer Klasse mit Kindern aus Südafrika, Kreuzberg und Australien landete. Es war die Europaklasse der Charles-Dickens Grundschule und gleichzeitig eine der schönsten Momente meines Lebens.
Mein bester Freund war Ryan. Die Stöckchen auf dem Schulhof waren für uns im einen Moment Laserschwerter, im nächsten Zauberstäbe. Für seine irische Mutter gab es nichts schöneres als neben ihren vier eigenen Kindern auch mich zu bekochen, auch mich mit in die Bibliothek zu nehmen, auch mich an Halloween im Keller zu erschrecken.
Jedes zweite Fach hatten wir auf Englisch. Für mich waren Namen wie Kofu, Asha und Brendan normal. Als ich zum ersten Mal von einem Friedrich hörte, fand ich das ziemlich exotisch.

Niemand sagte: „Du darfst nicht mitspielen, du bist schwarz.“ Es sagte auch niemand: „Ach, jetzt lasst doch mal das arme schwarze Kind auch mitspielen.“
Das war einfach völlig egal!

Im Bus zur Schule allerdings war das nicht egal. Mal wurde ich von jemandem gefragt, warum wir so arrogant seien und nur auf Englisch sprechen. Da wusste ich gar nicht, was ich sagen soll. Wieso war ich als Neunjähriger arrogant, wenn ich meine Freunde aufrief: „Let´s go to the Spielplatz.“ So ein kunterbunter Mischmasch aus Sprachen und Kulturen war für uns normal.

Viele finden es nicht normal, sondern falsch. Ob in Elitemagazinen, dem Deutschunterricht oder in den letzten Jahren vermehrt Bestsellern, immer wieder wird das selbe Thema durchgekaut. Die Sprache, und damit die ganze Nation und ihre Werte, verfällt vor unseren Augen. Wenn die Kinder in den Armenvierteln keinen richtigen Dass-Satz mehr hinbekommen, dann scheint das der absolute Beweis für den Untergang des Abendlandes. Sprachkritik boomt.

Aber sehen wir uns doch mal die Sprachanalyse genauer an. Die „Probleme“ sind ja immer die selben: schlechte Grammatik, schlechte Aussprache, zu viele ausländische Wörter. Was den Kommentatoren in ihrer Furore gar nicht auffällt, ist dass allein das Wort „Analyse“ gar nicht deutsch ist. Genauso wenig das Büro (eigentlich frz. bureau) in dem sie sitzen. Oder das Portemonnaie unter ihrem Rollkragen-PulloverSie widersprechen sich ungewollt in ihren eigenen Texten, in dem sie versuchen sich als eloquent zu profilieren und gegen Wörter aus anderen Länder zu protestieren; in dem sie Wörter aus anderen Ländern benutzen. Der Unterschied ist nur, dass es in ihrer Clique aka. Feuilleton halt grade schick (eigentlich frz. chique) ein paar französische, altgriechische und lateinische Wörter einfließen zu lassen.

Seien wir ehrlich:

  • Englisch klingt ein bisschen abgehoben.
  • Französische Wörtchen zeigen Klasse und Stil.
  • Arabische Wörter klingen immer nach IS.

Meeting:              Schösel!
Rendez-vous:
    Oh lala!
لقاء:                      Terrorbotschaft!

Alle drei Wörter würden im deutsch-deutschen einfach nur Treffen heißen. Aber durch die Übersetzung kriegen sie nochmal unsere Vorurteile aufgedrückt. Die Amis treffen sich um Geld zu scheffeln, die Franzosen um über Kunst zu philosophieren und die Araber um irgendwas in die Luft zu sprengen. Ist doch klar!
Dass die U.S.A. sich auch ziemlich gut darin bewiesen haben, Sachen in die Luft zu sprengen und es im arabischen Raum einige der schönsten Kunstwerke und Gedichte der Welt gibt, ist dem „Sprachwissenschaftler“ egal.

Nicht seine Weltanschauung, sondern die ganze Welt ist falsch.

Und in 200 Jahren werden sie sich aufregen, dass alle Wörter von kulturellem Wert, die unsere Hochkultur ausmachen, wie Swag, Yolo und Tschüsch langsam aussterben, weil die Jugend sich halt was Neues ausgedacht hat.
Denn letztendlich ist das das Einzige, was diese frustrierten alten Menschen mit zu viel Zeit stört, die mich damals im Bus angemacht haben: Veränderung.

Aber die ist ja auf unserer Seite und wir haben Spaß daran. Und jetzt: „Let´s go to the Spielplatz!“

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