Experiment: Lächelnd durch Berlin

Aus Indien zurückkommen braucht mehr als 24h in verschieden Fliegern und Flughäfen. Wirklich anzukommen heißt, sich anzupassen; so zu sein, wie die um einen herum.
Wenn ich ehrlich bin, weiß ich nicht, ob ich Lust habe anzukommen, in diese Welt, in der sich alle aufregen, wenn die U-Bahn nicht in 3 sondern in 5 Minuten kommt.

Deshalb habe ich einen kleinen Selbstversuch gestartet: Zwei Tage habe ich alle Menschen auf meinem Weg durch die Großstadt hundert Prozent ehrlich angelächelt.


Photo credit: L’animalité photographique via Foter.com / CC BY

Und naja, das Ergebnis war eigentlich wenig überraschend:

  • 60% der Menschen haben das gar nicht mitbekommen, denn sie waren in Gedanken oder Smartphones versunken.
  • 35% der Menschen, also fast alle, die mich angesehen haben, waren wirklich, wirklich verwirrt. Ich war weder gekleidet wie ein Drogenabhängiger oder ein Zeuge Jehovas, noch wollte ich ihnen etwas verkaufen. Das passte vielen nicht ins Konzept, sodass sie mich ignorierten, sich von mir wegdrehten. Andere sahen nochmal hin und ich konnte in ihren Augen die Frage lesen, was mit mir falsch sei.
    Das war ja irgendwie abzusehen. Aber dafür habe ich das Ganze ja auch nicht gemacht. Die Folgenden waren meine Zielgruppe:
  • Jede*r Zwanzigste lächelte zurück. Manche zögerlich, viele freundlich und glücklich, Gleichgesinnte zu finden. Die meisten waren junge Menschen. Viele von ihnen mit nicht „bio-deutschem“ Aussehen. Viele ärmere Menschen: die Oma von nebenan, der Müllmann. Manche fingen an, mit ihren Freunden über dies und das zu scherzen, obwohl sie vorher stumm nebeneinander saßen. Es war, als hätten sie die Lizenz zum Glücklichsein bekommen.

Zwei Menschen haben sich so gefreut, dass Sie sogar mit mir ein Gespräch anfingen.
Das sind die Geschichten von Mohammed und dem Typen mit dem Koffer:

Mohammed ist ein gut gelaunter Mensch. Er lacht viel und gerne, aber nicht zu laut. Er wohnt seit einigen Jahren in Werder, einer kleinen Gemeinde am Rande Berlins. „Es gibt einfach nichts schöneres, als vom Gesang der Vögel wach zu werden. Das ist ganz anders als der Krach der Menschen.“ Über seine Flucht aus dem Libanon und die Jahre, die der im Flüchtlingsheim festsaß will er lieber nicht sprechen: „Ich gucke immer lieber nach vorne und lebe im Moment.“ Er ist besonders stolz auf seine Freundin in Berlin. Sie sei der Sinn seines Lebens.
Er fragt mich, ob er kurz auf Arabisch reden könne. Seine Schwester schreibt auf Whatsapp. Er könne doch sprechen, wie und was er wolle, sage ich. Müde schüttelt er den Kopf. Nach einer kurzen Nachricht, erklärt er mir, was er gesagt hat: Seine Schwester möge ihm bitte später schreiben.

Im Zug arabisch zu sprechen oder auch nur zu schreiben ist für ihn ein Sicherheitsrisiko.

„Die Menschen fühlen sich angegriffen, werden aggressiv. Dann spreche ich halt nur zuhause Arabisch.“ Auch das sagt er mit einem Lächeln, während meins zum ersten Mal am Tag erfriert.
Der Name Jonathan klingt für ihn wie Weihnachten oder Silvester, sagt er. Wie aus einem Märchen.

Dann musste ich auch schon in die nächste Bahn.

Dort lächelte ein braungebrannter Mann in seinen Fünfzigern zurück und wir kamen ins Gespräch. Auf Lanzarote hatte er einige Tage mit seiner Familie genossen. Während sie noch weiter Urlaub machen, musste er schon wieder nachhause, weiterarbeiten. Aber guter Laune war er trotzdem. Yoga helfe ihm dabei. Generell sei er ein Sportjunkie. Für ihn gibt es nichts schöneres, als beim Mondschein baden zu gehen. Er war der erste Mensch in seinem Alter, der mir sagte, ich solle mich mit dem Studium und diesem ganzen Kram nicht all zu sehr beeilen. „Ich selbst habe erst mit 23 angefangen zu studieren.“ Vorher habe er soviel gereist, wie er konnte. Mit Abstand am liebsten habe ihm Südafrika gefallen. Ganze 15 Mal war er dort. Trotzdem oder genau deswegen gehe es ihm heute so gut.

Die elegante Kleidung ist glatt und gebügelt, doch sein Gesicht zieren Lachfalten.

Er steigt aus, einen Freund treffen. Ich fahre weiter. Und denke nach.

Es war einfach nur schön zu sehen, wie viel ein kleines Lächeln in manchen Menschen auslösen kann. Plötzlich wird über den Schienenersatzverkehr gelacht anstatt gemeckert. Plötzlich scheint der Freund neben einem interessanter als das Handy. Plötzlich habe ich neue Bekannte oder sogar Freunde (Mohammed hat mir gleich seine Nummer gegeben, falls wir uns auf ein Bier treffen wollen).

Die U-Bahn ist der Grund dafür, dass ich nur selten ins Theater gehe.
Denn in den Menschen da draußen warten die Geschichten.
Das Lächeln ist nur die Bühne, die sie brauchen.

Und vielleicht muss ich ja gar nicht in Berlin ankommen. Vielleicht muss ein kleines Stück Indien nach Berlin.

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