Tip me!

„Nichts ist mächtiger als eine Idee, deren Zeit gekommen ist.“

 

Die Idee des Trinkgelds ist Jahrhunderte alt. Überall auf der Welt geben Menschen gerne ein bisschen mehr, als Anerkennung für gute Arbeit. Es ist keine Spende, die man einem Bettler hinwirft, sondern eine Begegnung auf Augenhöhe.

Was wäre, wenn wir diese antike Idee mit der Technologie des 21. Jahrhunderts auf eine globale Skala heben? Was wäre, wenn nicht Großkonzerne von den Einkommensunterschieden zwischen Nord und Süd profitieren, sondern die ganze Welt?

Was wäre, wenn Du ein Trinkgeld geben könntest, auf jedes Produkt, was wirklich gut ist?

Das ist die Vision von Tip me! Ein globales Trinkgeld, das vom Konsumenten direkt an Produzenten vor Ort fließt.

Ein Beispiel: Der Gewinner des Fairtrade Awads 2016 „Ethletic“ hat angeboten die Initiative an ihren Schuhen auszuprobieren. Jeder und jede von uns könnte also beim nächsten Mal, wenn wir Lust auf faire und vegane Schuhe haben, beim Kauf einen -, zwei – oder sogar 5 € dazu geben, als kleines Trinkgeld.

Ich komme grade aus Indien, wo die Baumwolle angebaut wurde. Zwei Euro sind dort auch im Fairtrade-Bereich ein guter Tageslohn.
Was würde es also bedeuten, den Lohn der Fairtrade-Bauern und Bäuerinnen zu verdoppeln?

Bleiben wir beim Beispiel Indien: das Land ist im Aufbruch. Das Kastensystem zerfällt, die Mittelklasse wächst und Neu-Delhi hat das vielleicht jüngste Parlament der Welt. Doch viele versuchen sich der westlichen „Leitkultur“ anzupassen, wollen große Autos, Fastfood und Ellenbogen. Dass in Deutschland Fairtrade und Bio im Trend sind, weiß hier kaum jemand.

Das Trinkgeld kann also viel mehr tun, als jemandem den Tag zu verbessern.

Es kann ein Zeichen in die Welt setzen und die richtigen Projekte zum wachsen bringen, in Indien, Deutschland und der ganzen Welt.
Das sollten Unternehmen sein, die schon heute so wirtschaften, wie wir es uns in Zukunft vorstellen: demokratisch und nach ökologischen Standards. So wird auch verhindert, dass das Trinkgeld von Großkonzernen ausgenutzt wird, nach dem Motto: „Spende oder sie leiden.“

 

Stattdessen fördern wir Kooperativen und damit die Werte, auf die eine bessere Welt aufbaut.

Aber warum sollten Unternehmen mit uns zusammenarbeiten?
Ganz einfach: Weil es eine einzigartige PR-Kampagne ist, die sie kaum etwas kostet. Jeder Betrieb, möchte dem Kunden gerne Fotos von glücklichen Bauern und Bäuerinnen präsentieren. Denn 3 von 4 Kunden kaufen häufiger und empfehlen lieber eine Marke, wenn soziales Engagement eine übergeordnete Rolle spielt, so Elefunds. Diese Bilder sind aber meist „gekauft“ und dadurch sowohl teuer für das Unternehmen als auch unecht. Statt „Green-washing“ zu betreiben, schaffen wir eine Verbindung zwischen Käufer und Produzent, die es so auf einer globalen Skala noch nie gegeben hat.

 

Warum sollten die Kunden das machen?
Eines ist klar: Wir kaufen keine Produkte, wir kaufen Ideen.

 

Die Idee des Trinkgeld ist alt und mächtig, aber ich glaube ihre Zeit ist grade erst gekommen.

 

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Es geht nicht um den Dativ!

Ich hatte extremes Glück. Von hunderten Bewerbern in der Lostrommel wurde ausgerechnet mein Name gezogen. Und so geschah es, dass der kleine blonde Jonathan mit einem Cowboy-Roboter-Schulranzen in einer Klasse mit Kindern aus Südafrika, Kreuzberg und Australien landete. Es war die Europaklasse der Charles-Dickens Grundschule und gleichzeitig eine der schönsten Momente meines Lebens.
Mein bester Freund war Ryan. Die Stöckchen auf dem Schulhof waren für uns im einen Moment Laserschwerter, im nächsten Zauberstäbe. Für seine irische Mutter gab es nichts schöneres als neben ihren vier eigenen Kindern auch mich zu bekochen, auch mich mit in die Bibliothek zu nehmen, auch mich an Halloween im Keller zu erschrecken.
Jedes zweite Fach hatten wir auf Englisch. Für mich waren Namen wie Kofu, Asha und Brendan normal. Als ich zum ersten Mal von einem Friedrich hörte, fand ich das ziemlich exotisch.

Niemand sagte: „Du darfst nicht mitspielen, du bist schwarz.“ Es sagte auch niemand: „Ach, jetzt lasst doch mal das arme schwarze Kind auch mitspielen.“
Das war einfach völlig egal!

Im Bus zur Schule allerdings war das nicht egal. Mal wurde ich von jemandem gefragt, warum wir so arrogant seien und nur auf Englisch sprechen. Da wusste ich gar nicht, was ich sagen soll. Wieso war ich als Neunjähriger arrogant, wenn ich meine Freunde aufrief: „Let´s go to the Spielplatz.“ So ein kunterbunter Mischmasch aus Sprachen und Kulturen war für uns normal.

Viele finden es nicht normal, sondern falsch. Ob in Elitemagazinen, dem Deutschunterricht oder in den letzten Jahren vermehrt Bestsellern, immer wieder wird das selbe Thema durchgekaut. Die Sprache, und damit die ganze Nation und ihre Werte, verfällt vor unseren Augen. Wenn die Kinder in den Armenvierteln keinen richtigen Dass-Satz mehr hinbekommen, dann scheint das der absolute Beweis für den Untergang des Abendlandes. Sprachkritik boomt.

Aber sehen wir uns doch mal die Sprachanalyse genauer an. Die „Probleme“ sind ja immer die selben: schlechte Grammatik, schlechte Aussprache, zu viele ausländische Wörter. Was den Kommentatoren in ihrer Furore gar nicht auffällt, ist dass allein das Wort „Analyse“ gar nicht deutsch ist. Genauso wenig das Büro (eigentlich frz. bureau) in dem sie sitzen. Oder das Portemonnaie unter ihrem Rollkragen-PulloverSie widersprechen sich ungewollt in ihren eigenen Texten, in dem sie versuchen sich als eloquent zu profilieren und gegen Wörter aus anderen Länder zu protestieren; in dem sie Wörter aus anderen Ländern benutzen. Der Unterschied ist nur, dass es in ihrer Clique aka. Feuilleton halt grade schick (eigentlich frz. chique) ein paar französische, altgriechische und lateinische Wörter einfließen zu lassen.

Seien wir ehrlich:

  • Englisch klingt ein bisschen abgehoben.
  • Französische Wörtchen zeigen Klasse und Stil.
  • Arabische Wörter klingen immer nach IS.

Meeting:              Schösel!
Rendez-vous:
    Oh lala!
لقاء:                      Terrorbotschaft!

Alle drei Wörter würden im deutsch-deutschen einfach nur Treffen heißen. Aber durch die Übersetzung kriegen sie nochmal unsere Vorurteile aufgedrückt. Die Amis treffen sich um Geld zu scheffeln, die Franzosen um über Kunst zu philosophieren und die Araber um irgendwas in die Luft zu sprengen. Ist doch klar!
Dass die U.S.A. sich auch ziemlich gut darin bewiesen haben, Sachen in die Luft zu sprengen und es im arabischen Raum einige der schönsten Kunstwerke und Gedichte der Welt gibt, ist dem „Sprachwissenschaftler“ egal.

Nicht seine Weltanschauung, sondern die ganze Welt ist falsch.

Und in 200 Jahren werden sie sich aufregen, dass alle Wörter von kulturellem Wert, die unsere Hochkultur ausmachen, wie Swag, Yolo und Tschüsch langsam aussterben, weil die Jugend sich halt was Neues ausgedacht hat.
Denn letztendlich ist das das Einzige, was diese frustrierten alten Menschen mit zu viel Zeit stört, die mich damals im Bus angemacht haben: Veränderung.

Aber die ist ja auf unserer Seite und wir haben Spaß daran. Und jetzt: „Let´s go to the Spielplatz!“

Experiment: Lächelnd durch Berlin

Aus Indien zurückkommen braucht mehr als 24h in verschieden Fliegern und Flughäfen. Wirklich anzukommen heißt, sich anzupassen; so zu sein, wie die um einen herum.
Wenn ich ehrlich bin, weiß ich nicht, ob ich Lust habe anzukommen, in diese Welt, in der sich alle aufregen, wenn die U-Bahn nicht in 3 sondern in 5 Minuten kommt.

Deshalb habe ich einen kleinen Selbstversuch gestartet: Zwei Tage habe ich alle Menschen auf meinem Weg durch die Großstadt hundert Prozent ehrlich angelächelt.


Photo credit: L’animalité photographique via Foter.com / CC BY

Und naja, das Ergebnis war eigentlich wenig überraschend:

  • 60% der Menschen haben das gar nicht mitbekommen, denn sie waren in Gedanken oder Smartphones versunken.
  • 35% der Menschen, also fast alle, die mich angesehen haben, waren wirklich, wirklich verwirrt. Ich war weder gekleidet wie ein Drogenabhängiger oder ein Zeuge Jehovas, noch wollte ich ihnen etwas verkaufen. Das passte vielen nicht ins Konzept, sodass sie mich ignorierten, sich von mir wegdrehten. Andere sahen nochmal hin und ich konnte in ihren Augen die Frage lesen, was mit mir falsch sei.
    Das war ja irgendwie abzusehen. Aber dafür habe ich das Ganze ja auch nicht gemacht. Die Folgenden waren meine Zielgruppe:
  • Jede*r Zwanzigste lächelte zurück. Manche zögerlich, viele freundlich und glücklich, Gleichgesinnte zu finden. Die meisten waren junge Menschen. Viele von ihnen mit nicht „bio-deutschem“ Aussehen. Viele ärmere Menschen: die Oma von nebenan, der Müllmann. Manche fingen an, mit ihren Freunden über dies und das zu scherzen, obwohl sie vorher stumm nebeneinander saßen. Es war, als hätten sie die Lizenz zum Glücklichsein bekommen.

Zwei Menschen haben sich so gefreut, dass Sie sogar mit mir ein Gespräch anfingen.
Das sind die Geschichten von Mohammed und dem Typen mit dem Koffer:

Mohammed ist ein gut gelaunter Mensch. Er lacht viel und gerne, aber nicht zu laut. Er wohnt seit einigen Jahren in Werder, einer kleinen Gemeinde am Rande Berlins. „Es gibt einfach nichts schöneres, als vom Gesang der Vögel wach zu werden. Das ist ganz anders als der Krach der Menschen.“ Über seine Flucht aus dem Libanon und die Jahre, die der im Flüchtlingsheim festsaß will er lieber nicht sprechen: „Ich gucke immer lieber nach vorne und lebe im Moment.“ Er ist besonders stolz auf seine Freundin in Berlin. Sie sei der Sinn seines Lebens.
Er fragt mich, ob er kurz auf Arabisch reden könne. Seine Schwester schreibt auf Whatsapp. Er könne doch sprechen, wie und was er wolle, sage ich. Müde schüttelt er den Kopf. Nach einer kurzen Nachricht, erklärt er mir, was er gesagt hat: Seine Schwester möge ihm bitte später schreiben.

Im Zug arabisch zu sprechen oder auch nur zu schreiben ist für ihn ein Sicherheitsrisiko.

„Die Menschen fühlen sich angegriffen, werden aggressiv. Dann spreche ich halt nur zuhause Arabisch.“ Auch das sagt er mit einem Lächeln, während meins zum ersten Mal am Tag erfriert.
Der Name Jonathan klingt für ihn wie Weihnachten oder Silvester, sagt er. Wie aus einem Märchen.

Dann musste ich auch schon in die nächste Bahn.

Dort lächelte ein braungebrannter Mann in seinen Fünfzigern zurück und wir kamen ins Gespräch. Auf Lanzarote hatte er einige Tage mit seiner Familie genossen. Während sie noch weiter Urlaub machen, musste er schon wieder nachhause, weiterarbeiten. Aber guter Laune war er trotzdem. Yoga helfe ihm dabei. Generell sei er ein Sportjunkie. Für ihn gibt es nichts schöneres, als beim Mondschein baden zu gehen. Er war der erste Mensch in seinem Alter, der mir sagte, ich solle mich mit dem Studium und diesem ganzen Kram nicht all zu sehr beeilen. „Ich selbst habe erst mit 23 angefangen zu studieren.“ Vorher habe er soviel gereist, wie er konnte. Mit Abstand am liebsten habe ihm Südafrika gefallen. Ganze 15 Mal war er dort. Trotzdem oder genau deswegen gehe es ihm heute so gut.

Die elegante Kleidung ist glatt und gebügelt, doch sein Gesicht zieren Lachfalten.

Er steigt aus, einen Freund treffen. Ich fahre weiter. Und denke nach.

Es war einfach nur schön zu sehen, wie viel ein kleines Lächeln in manchen Menschen auslösen kann. Plötzlich wird über den Schienenersatzverkehr gelacht anstatt gemeckert. Plötzlich scheint der Freund neben einem interessanter als das Handy. Plötzlich habe ich neue Bekannte oder sogar Freunde (Mohammed hat mir gleich seine Nummer gegeben, falls wir uns auf ein Bier treffen wollen).

Die U-Bahn ist der Grund dafür, dass ich nur selten ins Theater gehe.
Denn in den Menschen da draußen warten die Geschichten.
Das Lächeln ist nur die Bühne, die sie brauchen.

Und vielleicht muss ich ja gar nicht in Berlin ankommen. Vielleicht muss ein kleines Stück Indien nach Berlin.