Routine; eine Liebeserklärung

Manche sagen es gibt im Hinduismus mehr als 3 Millionen Götter. Und auf den ersten Blick scheint das auch so: jeder Fluss, jeder Baum, jedes Bergdorf ist heilig und hat mit hoher Wahrscheinlichkeit einen eigenen Tempel mit einem dazu passenden Gott/Göttin. In einem ehrlichen Gespräch machte mir mein guter Freund Shahir jedoch klar, dass alles Göttliche, alle Existenz, letztendlich eins ist und jede Figur nichts als eine Metapher ist. Diese kann uns stärker machen, wenn wir ihr dazu die Kraft geben.

Denn letztendlich sind wir es, die allen Symbolen, Ritualen und Worten ihre Kraft geben.

Die Göttin Kali zum Beispiel: Sie steht für Zerstörung und Neuanfang; ohne sie ist Shiva, die höchste hinduistische Gottheit, Shava, leblos. Sie ist Zeit und Mutter des Universums. Sie kann Tod bringen oder Erlösung. Manchmal wird dazwischen nicht unterschieden.
Ob wir das als Lobpreisen der Frau oder Verherrlichung von Gewalt verstehen, liegt an uns.
Ich habe beschlossen, ihr meine eigene Bedeutung zu geben: Je nach Darstellung scheint sie unendlich viele Arme zu haben und scheint so uns normalen Menschen überlegen. Wenn wir uns aber vor Augen halten, dass wir jeden Tag des Jahres hoffentlich mit zwei gesunden Händen aufwachen, macht das ganze 730 Arme, die uns 2016 zur Verfügung stehen, um wahrhaft gottliches zu vollbringen. Das macht jeden und jede von uns heilig, wenn wir es nur wollen.
In den fünf Jahren, die ich nun Jodablog schreibe, habe ich mehr als 200 Artikel veröffentlicht und mehrere zehntausend Menschen aus verschiedensten Ländern der Welt erreicht. Ob das irgendjemanden juckt, weiß ich bis heute nicht so richtig. Aber mir hat es gezeigt, dass die kleinen, stetigen Dinge einen Unterschied machen. Ich will Euch allen danken, dass Ihr diesen Weg mit mir gegangen seid. Die Montagabende haben mich geprägt; mir gezeigt, dass ich eine Stimme habe und sie nutzen sollte.
Ich würde mich freuen, wenn wir weiter zusammen diesen Weg gehen, Schritt für Schritt, täglich mit zwei motivierten Händen in Richtung Göttliches auf Erden.

Offen für Nazis sein!

Ich saß mal mit sieben Jahren bei McDonald’s mit meinem besten Freund und seiner Familie. Sie haben auf Englisch geredet, weil seine Mutter aus Irland ist. Ein Faschist kam an und hat sie angemacht, von wegen Jobs wegnehmen und sozialschmarozen gleichzeitig. Ich habe ihn gefragt, was das soll. Aber die Mutter meines Freundes hat mich zurückgerufen. Sie war es schon gewohnt.
Ich bin ein Mensch, der jedes brennende Haus als Angriff auf mich und meine Geliebten versteht. Mit jedem Tag graut es mir mehr davor, in ein Land zurückzukehren, das OK KID aktuell ganz gut beschreibt: „Schwarz, rot, grün; alles wirkt braun meliert.“ Ich habe viel über Widerstandsformen nachgedacht. Die deutsche Rapszene ist sich da schon länger einig. Ich muss keine Textanalyse vom Nr.1 Hit „Boom, Boom, Boom“, K.I.Z. oder von „Schüsse in die Luft“ der Gruppe Kraftklub machen, um zu zeigen, dass hier absolut kein Verständnis für die rassistischen Entwicklung in Deutschland herrscht. Bei Farin Urlaub von den Ärzten sieht es ähnlich aus: „Ich habe jegliche Geduld mit diesen Arschgeigen verloren.“
Das hier soll trotzdem ein Apell für Toleranz für Intoleranz werden. Vielleicht der am meisten gehatete Artikel, aber ich will es versuchen.
Zuerst einmal muss ich mich korrigieren: nicht Toleranz, Akzeptanz. Nicht aushalten und hinnehmen, sondern annehmen und austreiben.
Sehen wir uns mal die Fakten an: Wir leben in einer Zeit, in der jede*r zweite „Deutsche“, dass „sein/ihr“ Land überfremdet sei. 2015 gab es fast 14.000 rassistische Straftaten. Die Polizei stellt 9 Haftbefehle aus. Der NSU- Prozess hat aufgezeigt, wie undurchsichtig die Grenzen zwischen Verfassungsschutz und rechtsextremer Szene sind. Rassismus ist kein Randproblem mehr, falls es das je war. Er ist in jeder Schicht der Gesellschaft vorhanden. Der tolerante Konsens ist spätestens seit der Weltmeisterschaft verschwunden.
Was passiert also wenn wir mit polarisierenden Parolen losziehen? Wir können nicht darauf hoffen, dass eine Mehrheit uns folgt. Heute scheint es möglich „Nazis raus“ zu liken und trotzdem am Stammtisch zum Pegida-Papagein zu werden. Eine Drohkulisse vom IV. Reich greift nicht mehr. Die faschistische Rhetorik hat über die Jahre viele „wenn und aber“- Argumente gefunden, um sich aus dieser Ecke weg zu definieren. Es ist Zeit für etwas Kreativeres.
Aus der Psychologie wissen wir: Positive Ideen wirken immer aktivierender als Angst. Wenn die Europäischen Demokraten aus ihrer Passivität herauskommen wollen, dann bedarf es nicht antinationaler, sondern internationaler Konzepte. Wir brauchen nicht nur Blockaden, sondern auch Wegöffner für ein neues Miteinander. Undogmatisch, gut gelaunt. Und offen für Nazis. Nazis, die gar nicht wissen, dass sie welche sind. Nazis, die sich vielleicht umentschieden wollen. Denn genau die müssen wir genau jetzt mobilisieren, bevor der Volksmob sie für sich vereinnahmt. Wir können derzeit nicht auf eine demokratische Mehrheit für das Grundgesetz zählen. Wenn wir diese erarbeiten wollen, hilft es wenig, die rassistische Mitte auszuschließen. Auf meinem Notizbuch habe ich auch einen „Kein Herz für Nazis“-Aufkleber. Aber das ist nicht die Zeit für Idealismus. Wir müssen um jede Stimme kämpfen.
Hier also ein paar Projekte, die witzig sind und neue Denkanstöße geben. Und wie wir mehr daraus machen können:
I. Das „AfD oder NPD“- Quiz der Piraten. Ordne die Zitate zu und werde überrascht. Oder auch nicht.
Wer Skill hat, könnte das Ganze weiterentwickeln: „Wer ist der Sexist?“ Kurzes Ratespiel, in welchen Ländern sexualisierte Gewalt ein besonderes Problem ist.
II. „Über den Tellerrand kochen“- Rezepte von Geflüchteten lernen. Denn bei Essen sagt keine*r Nein.
Sie weiten ihr Angebot ständig aus: zusammen Fahrrad fahren, Obst pflücken, Märchen hören.
III. Kiron Universität: Geflüchtete können online ohne Papiere studieren und werden bei guten Leistungen sogar von echten Unis übernommen.
Erweiterung:
Wie wäre es mit einer guten Show von Syrern über Syrien. Zugvögel TV!

Ich denke mir nicht aus, dass solche Projekte helfen können. Ich bin familiär an den Stammtisch gebunden und habe es lange mit Ratio und Argumenten versucht. Was zählt, sind Taten. Immer, aber jetzt mehr denn je!
Let’s go!

Was ist eigentlich Rassismus?

Kennst Du das? Du überlegst Dir ein neues Handy zu kaufen und findet online eins, das Dir wirklich gefällt. Während Du im Bus darüber nachdenkst, ob Du es wirklich brauchst, scheint auf ein Mal jeder und jede genau dein Handy zu haben: Der Busfahrer, die Frau an der Haltestelle, der Döner-Verkäufer. Du wunderst Dich: „Wo kommen die so plötzlich alle her?“
Es ist nicht besonders wahrscheinlich, dass als Du kurz nicht hingeguckt hast, Hunderttausende los gerannt sind, um sich dieses Gerät zu holen. Es hat sich ganz einfach deine Wahrnehmung geändert. Jedes Handy dieser Art fällt dir jetzt auf und es scheinen Dir unendlich viele.
Rassismus ist nichts, als diese „selektive Wahrnehmung“, wie sie in der Psychologie heißt, auf Menschengruppen anzuwenden. Es ist sehr leicht in solche Denkmuster hineinzurutschen. Nach einer Woche Griechenland Urlaub scheint klar: Alles ist hier ein bisschen entspannter. Vielleicht ist das so. Vielleicht lagst Du in Griechenland aber auch die ganze Zeit in der Hängematte, hast Cocktails geschlürft und warst selber ziemlich entspannt. Du warst noch garnicht wach, als die Putzkräfte das Hotel geschruppt haben. Du hast wahrscheinlich auch eher Museen, als in einer Fabrik besucht, hast nachts mit einigen Griechen in der Bar gesessen, während bei den Putzkräften schon der Wecker klingelte.
Und das ist super! Du hattest einen tiefenentspannten Urlaub und hast Deine Zeit genossen. Ich freue mich. Aber bitte übertrage deine Erlebnisse nicht auf die ganze Welt.
Es gibt ein weises Zitat, das diese Art zu Denken sehr treffend beschreibt: „Wer’s sagt, ist es selber!“ Das trifft es einfach auf dem Punkt.
Es sind besonders Politiker mit einem Frauenbild aus den 50er Jahren, die den Islam als sexistisch bezeichnen. Meine Mutter hat lange im Gefängnis gearbeitet und immer wieder beschwerten sich die Häftlinge, die jahrelang ohne Gegenleistung alles bekommen, was sie brauchen, dass die kriminellen Ausländer ihnen die Jobs wegnehmen.
Es ist nämlich sehr bequem, Eigenschaften, die man an sich selbst nicht mag, auf Andere zu projizieren. Lieber regt man sich über jemand anderen auf, als sich selbst zu bessern.
Dazu kommt, dass Menschen, die so denken, sich oft unsicher fühlen. Und wo kein Selbstbewusstsein ist, muss ein Wir her. Am besten ein starkes, das Beste überhaupt. Das gibt es mit Rockbands, Fußballclubs oder Sternzeichen. Aber wenn es um Nationen oder Kulturen geht, kann es schnell gefährlich werden. Denn hier geht es um Menschenleben.
Aber was ist denn jetzt eigentlich Rassismus?
Es ist eine Denkweise, die versucht, alle Menschen in Gruppen einzuteilen, abhängig von Kultur, Nation oder Rasse, je nach Mode. Dabei merkt der/die Betroffene garnicht, dass er/sie alles ausblendet, was nicht der Weltanschauung entspricht. Nach dem Motto: „Ja, der Döner-Mann ist immer nett und spricht super deutsch. Aber der Rest…“ Alles wird zu einer Ausnahme.
Es ist grundsätzlich nicht schlimm so zu denken. Es entspricht der Zeit in der wir mit Pfeil und Speer unser Revier verteidigen mussten. Da war jede*r Fremde erstmal Feind.
Als ich letztens einen Schwarzen kennengelernt habe, wollte ich ihn sofort fragen, ob er Basketball spielt und Rap hört. Ziemlich dämlich. Ich weiß. Aber so funktioniert unser Gehirn nunmal. Es mag Schubladen und Muster. Das Wichtige ist nur, das zu erkennen und das Ganze nicht zu ernst zu nehmen, mal zu hinterfragen. Zu verstehen, dass es keinen Islam gibt. Nur 1,2 Milliarden Menschen, die alle auf ihre Art versuchen gut zu leben. Manche mit Kopftuch, manche ohne. Manche bekochen Mary und mich wochenlang und lassen uns umsonst bei ihnen wohnen. Einfach aus Gastfreundschaft. Andere vierbieten Alkohol. Und obwohl alle den Gruß „Frieden sei mit Dir“ benutzen, sind manche Muslime gewaltbereite Psyopathen. Wenn wir das verstehen, können wir viel mehr von der Welt entdecken und uns das nehmen, was uns gefällt; die Menschen treffen, die zu uns passen. Nicht weil sie von irgendwo sind. Nicht obwohl sie von irgendwo sind. Einfach, weil sie cool sind.
Oder um es mit den Worten von Hank Green zu sagen:
„Denn wenn aus zwei großen, funkelnden Schubladen sieben Milliarden werden, dann ist das einfach nur unglaublich schön.“

Every step you take

Ich habe viel geschwärmt von diesem Land; von seinen Menschen und seinen Sitten. Von diesem unglaublichen Reichtum an Natur und Kultur, von Philosophie und Handwerk. Doch nach mehr als 2 Monaten, die ich nun mit dem Rucksack durch die Straßen ziehe, möchte ich diesen Artikel einer Sache widmen, die mir seid dem ersten Tag gehörig auf die Nerven geht: der Pseudo-Überwachungsstaat, der das Leben eines jeden Ausländers in Indien bestimmt.
Ich bin meckern nicht gewohnt, aber das muss jetzt einfach mal raus.
Es ist das selbe Spiel wie überall: nach grausamen Terroranschlägen überschlagen sich die Politiker im Wettstreit um die härteste Kollektivhaftung. Das Resultat in Dehli: jeder Ausländer muss bei jeder Ankunft in jedem Hotel, Campingplatz oder auch nur Haus eines Freundes einen riesigen Stapel an Papieren zur nächsten Polizeistation bringen. Passkopie, Foto vom Visum, Angaben zur Ankunft in Indien mit genauer Uhrzeit, nächstem Aufenthaltsort, deutscher Adresse, indischer Adresse, deutscher Telefonnummer, indischer Telefonnummer, was wir überhaupt in Indien wollen. In Gaststätten denkt sich meist ein sehr kreativer Angestellter die Antworten einfach aus. In den letzten Tagen durften wir allerdings bei einer extrem herzlichen, muslimischen Familie bleiben und mussten wieder das Papier des Schreckens „Form c“ ausfüllen. Unsere Freunde bestanden darauf, ganz nach der indischen Gastfreundschaft, diesen Stress uns abzunehmen. Täglich besuchten sie zwei Mal die örtliche Polizeistation, um wieder wegen einer Kleinigkeit abgewiesen zu werden. Bevor die Beamten das Schreiben akzeptierten, waren wir schon längst im nächsten Ort. Dieses Mal versuchten wir es auf eigene Faust mit einiger Unterstützung von Freunden. Sage und Schreibe 6 Stunden waren wir unterwegs. Im Internetcafe, wo das Portal nach 2 h Arbeit zusammenbrach, woraufhin wir zur Ausländerbehörde gingen, die genau wie wir an der Onlineregistrierung scheiterten und nur wegen ihrer Hacking-Skills weiter kamen. Dann wieder zum Internetcafe , wo wir nach 4 h die Arbeit getan dachten. Nur noch schnell zum Ende der Stadt laufen und das Formular abgeben. Dort wurde uns dann jedoch erzählt wurde, dass wir eine weitere Pass- + Visakopie benötigen. Obwohl in dieser Polizeistation ganz 3 Exemplare von den letzten Registrierungen lagen. Kurz vor 9 Uhr abends kamen wir dann völlig erschöpft nach Hause, in der Gewissheit das Ganze noch ein Mal bei der nächsten Unterkunft machen zu müssen.

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Wir sind offiziell als Touristen hier, weil das unser Hauptgrund ist, das Land zu besuchen. Aber meine Freundin und ich lassen es uns nie ganz nehmen, etwas zu helfen. Mal mit Kindern Musik zu machen oder Zahnbürsten zu verteilen führte jedoch jedes Mal angsterfüllten Bitten ja niemandem davon zu erzählen, als Tourist zu helfen sei nicht erlaubt. Bizarre Telefonate im James Bond—Style mussten wir führen, weil wir offiziell noch nicht dort schlafen, wo wir schlafen. Stundenlang saßen wir mit Freunden vor dem Computer und rangen mit der Verzweiflung.
Das Ganze würde ich ohne ein Wort über mich ergehen lassen, wenn es auch nur den geringsten Nutzen haben würde. Wenn ich eine Straftat pland, werde ich dem Staat dann meinen Wohnort und Telefonnummer bereitstellen?
Deshalb Pseudo-Überwachung, weil das Netz viel zu breit ist, um wirkliche Übeltäter zu finden. Es gibt nur jede Menge Beifang.
Diesen Artikel schreibe ich nicht, um mich zu beklagen. Na gut, ein bisschen vielleicht. Aber hauptsächlich, weil mich die neusten Ideen der deutschen Politiker, ob CSU oder Grünen, wirklich
beängstigen.

Wenn Überwachung Sicherheit bedeuten würde, wäre Indien eins der sichersten Länder der Welt.

Dann wäre Frankreich weit aus sicherer als Deutschland. Leider bedeuten Spielzeuge à la Vorratsdatenspeicherung nur Unmengen an Aufwand für die, die Terror mit der einzigen wirksamen Waffe bekämpfen: Arbeit für die schwächsten unserer Gesellschaft.

Ich weiß, es macht Angst zur Zeit in die Zeitung zu schauen. Aber die Zeitung ist nicht die Welt.

Genießt euer Leben, euren Verstand und vor allem, eure Freiheit und fangt an, davon zu schwärmen.