Von Indien lernen III

Was in indischen Regionalbahnen tagtaeglich ist, kennen die meisten Europaer nur von Rockkonzerten: hunderte Menschen auf engstem Raum, aber eine wirklich entspannte Stimmung. Dehli hat fast 17 Millionen Einwohner auf weniger als der doppelten Flaeche Berlins. Ueberall sind Glaeubige des Buddhismus, Hinduismus, Jainismus, Christentum, Sikhismus oder Islam anzutreffen. Auf so engem Raum in solcher Vielfalt zu leben, braucht gelebte Akzeptanz. Trotzdem habe ich dieses Wort noch nie in Indien gehoert. Auch nicht Toleranz oder Multi-Kulti. In Indien ist dies keine Theorie, sondern Alltag seit Jahrtausenden.
Ein Satz, den ich nicht vergessen werde, habe ich nun von Anhaengern jeder Gemeinschaft gehoert:

Zuerst sind wir Menschen. Dann erst kommst deine Religion.

Dieser Satz klingt simpel. Doch er ist erfuellt mit einer Ehrlichkeit, die das Zusammenleben hier verstaendlich macht. Lessings Ringparabell ist hier Realitaet. Dass sich die Religionen allein in Kleidung, Speis und Trank unterscheiden, ist hier Konsenz.

Natuerlich war das nicht immer so. Die Geschichte des indischen Subkontients ist gepraegt von Eroberungen und Verfolgung. Die blutige Abtrennung von Pakistan ist 70 Jahre her.
Doch genau deswegen scheint es mir um so beeindruckender, mit welchem Wohlwollen die Unterschiede hier gesehen werden.
Wenn ich also erzaehle, dass in Deutschland jeden Tag Heime und Lager brennen, sagt der Blick der Meisten: „Das geht auch vorbei.“

Wenn ich Nachrichten aus Deutschland bekomme, scheint das wirklich so. Menschen, die bei mir in der Schublade „konservativ bis rechtsextrem“ waren, helfen auf ein Mal in Fluechtlingsheimen, schenken fuer mehrere Stunden Essen aus, spenden Klamotten und Zeit. Auch die ueblichen Verdaechtigen besuchen Tandemkurse, lernen Arabisch u.a. und lehren Deutsch.
Nach der neuen Sachlichkeit im Anfang des letzten Jahrhunderts scheint dieses Jahrtausend mit einer neuen Gelassenheit zu beginnen.

Ich bin zwar ganz froh, dass die Berliner S-Bahn nicht ganz so voll ist. Aber ich freue mich schon wahnsinnig auf den syrischen Waagen beim naechsten Karneval der Kulturen!

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Von Indien lernen Teil II

Nirgends wird der Unterschied zwischen Indien und Deutschland so offensichtlich wie im Straßenverkehr. Als wir vom mit Diwali-Lampen geschmückten Flughafen Delhis in das Auto unserer strahlenden Freunde stiegen, erwachte in mir ein Feuerwerk aus Gefühlen: Aufregung endlich da zu sein, Dankbarkeit für diesen Empfang und diese ganz spezielle Mischung aus Angst und Amusement über den Verkehr um uns herum.
Für Menschen wie mich, die ein Land gewohnt sind, in dem es rebellisch ist, wenn Fußgänger die Straße bei Rot überqueren, scheinen die indischen Straßen kein System zu kennen:
Auf dem Highway fahren buntbemalte Lkws neben Fahrrädern und vereinzelten Kühen.
Es wird von allen Seiten überholt.
Lastwagen halten plötzlich an, um die am Rande Stehenden eine Mitfahrgelegenheit zu ermöglichen. Die auf dem Alsphalt eingezeichneten Spuren scheinen eher Dekoration als Richtlinie zu sein. Das Ganze findet unter ständigem Gehupe statt.
Auf den ersten Blick ein absolutes Chaos. Doch schon nach zehn Minuten ohne Unfall wird klar: es muss ein System geben, das wir nicht wahrnehmen.

Wenn der deutsche Verkehr ein Uhrwerk ist, gleicht der indische einem gemächlich plätschernden Fluss.

Grundpfeiler ist dabei der Wille zur Kooperation.
Keiner fährt schneller als 80, meist eher 50 km/h. Teils weil die Straßen den drei- bis vierfachen Verkehr der Deutschen verkraften müssen und dabei oft schmaler und abgenutzter sind. Anderseit: „Worin liegt denn der Sinn sich zu beeilen?“
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Beim Autofahren in Indien macht es wenig Sinn sich groß umzuschauen. Der Abstand zu den umliegenden Fahrzeugen macht eh nur Angst. Stattdessen wird dies ziemlich clever durch Hupsignale ersetzt, ähnlich dem Echolot der Fledermäuse: Ein kurzer Stups auf das Horn dient zur Angabe des Standorts. Längeres Hupen heißt: „Erschreck Dich nicht, ich überhole.“
Wiederholte, energische Signale sind ein Aufruf Platz zu machen, der immer befolgt wird, wenn es möglich ist. „Manchmal hupen wir aber auch einfach nur, weil es Spaß macht.“ erklärt mir ein Rikscha-Fahrer mit einem Lachen.
Wenn trotz dieser ständigen Kommunikation sich ein Stau bildet , passiert etwas wirklich einzigartiges: Einige steigen aus ihren Autos, um den Verkehr sinnvoll zu regulieren. So kann der Fluss wieder hergestellt werden und es geht fröhlich hupend weiter.
Natürlich ist Dehlis Verkehr nicht immer ein Spaß. Wenn 16 Mio. Menschen sich auf den Weg zur Arbeit oder zur Schule machen, hilft es auch wenig, dass die Ü-Bahn im Minutentakt kommt, sich vier Menschen breit grinsend auf ein Motorrad kuscheln und jeder Zentimeter auf der Straße genutzt wird. Wenn ein Mal Stau ist, kann dieser auch ganze zwei Stunden dauern.
Trotzdem ist es beeindrucktend, wie sich diese Massen tagtäglich ihren Weg durch die Stadt bahnen. Es zeigt mir malwieder, dass wenn es um Kulturen geht, der Leitsatz der Austauschorganisation AFS Gold wert ist:

Es ist nicht besser und auch nicht schlechter. Einfach nur anders!

Ich will mit diesem Artikel niemanden dazu bewegen in Deutschland rechts zu überholen oder Kühe auf der Straße zu halten. Ich will einfach nur sagen, dass kein System gottgegeben ist. Es gibt immer eine Alternative. Es bringt wenig, sich diese auszumalen oder zu poetisieren.
Wir müssen sie einfach nur Leben!

Essen, wie nie zuvor

Vor vielen Jahren erklaerte mir mein Grossvater: Vor dem Fernseher essen macht keinen Sinn. Danach wissen wir weder, was wir gegessen haben, noch was wir gesehen haben. Ich habe das damals mit diesem typischen Laecheln eines unbelehrbaren Enkels einfach als Trauma seiner Generation abgetan. Doch als ich ueber die Jahre anfing mehr fuer mich selbst zu kochen, bemerkte ich eines: fuer ein gutes Essen braucht es nicht nur frische Zutaten, eine kreative und liebevolle Zubereitung, sondern vor allem Achtsamkeit beim Essen. Oder Mindfulness, wie Du willst.

Wie heisst es nicht so schoen:
Essen ist Beduerfnis, Geniessen ist Kunst.

Dass in unserer Gesellschaft die Kunst der Wertschaetzung im Lehrplan fehlt, wird den Gegensaetzen der Moderne deutlich: Es sterben heute mehr Menschen an den Folgen von Uebergewicht als an Unterernaehrung.
Aber ich schreibe das hier nicht, um zu sagen, dass ich mit dem System, der Gesellschaft oder der Gesamtsituation unzufrieden bin. Ja, auch. Aber lasst sie uns veraendern. Denn ein System ist auch nur die Summe seiner Teile.


Photo credit: Sebastian Mary via Foter.com / CC BY-SA

Deshalb habe ich hier ein kleines Gedankenspiel, das mir hilft zu sehen, was ich habe. Und zwar benutze ich dazu das genaue Gegenteil: die Werbung. Sie zeigt uns Tag um Tag, auf der Strasse und bei uns zu Hause, dass das Gras woanders gruener ist. Sie schafft es unseren Blick zu fangen und unser Verlangen zu wecken. Aber was eine 500-Millarden-Dollar-Industrie kann, koennen wir schon lange!

Sieh‘ Dir doch mal den Werbespot fuer Dein eigenes Leben an!

Stell‘ Dir vor Du setzt Dich an deinen Kuechentisch, vor Dir das dampfende, hausgemachte 3-Sterne-Gericht. (Es koennen auch Nudeln mit Pesto sein, muss ja keine*r wissen) Bevor Du Messer und Gabel in die Hand nimmst, haelst Du einen Moment inne und drehst ein imaginaeres Werbefilmchen. Das innere Auge schwebt vorbei an sonnigen Feldern und fleissigen Haenden, an bunten Maerkten, an brodelnden Kuechen, bis hin zu deinem Teller. Die innere Stimme beschreibt dein Mahl mit derselben Kunst, mit der ein Cheeseburger appetitlich klingt. Suche ganz genau nach diesen kleinen Feinheiten: wie frisch der Salat ist, wie knusprig das Brot, wie der Dampf aufsteigt. Und dann nimmt den ersten Bissen! Doch bevor du kaust, gibt Dir einen Moment wirklich zu schmecken. Lass deine Zunge mit kindlicher Neugier alle Gewuerze entdecken. Du wirst merken, dass Du langsamer kaust, schneller satt bist. Leg am Besten das Besteck ab und zu beiseite, lehn dich zurueck und denk Dir „Mensch, das war ja lecker!“ und freu Dich auf ein Neues, dass noch mehr von diesem Festmahl auf Dich wartet.

Hunger bekommen? Na dann los!Du weisst ja, wo der Salat gruener ist: genau hier!