Heute mal anders

Ich wollte heute eigentlich einen weltbewegenden Artikel schreiben. Irgendwas mit Freiheit. Und Politik. Und der Welt als ganzem.

Aber ich habe heute einer Freundin einen alten Computer verkauft. Wir arbeiten beide in der Backstube. Sie ist etwa 40 und wird verdientermaßen die Seele des Betriebs genannt. Wir saßen in ihrem mit Topfpflanzen vollgestellten Paradies von 10 Quadratmetern und begannen zu quatschen. Darüber wie sie mit 18 aus Kasachstan hier her kam. Darüber wie sehr sie sich für ihre Arbeit und ihre zwei Söhne aufopfert. Und das Geld trotzdem ebenso für die Miete reicht. Wie das Leben von Monat zu Monat teurer wird. Und sie froh ist, wenn ihre Mutter Zeit hat und auf die Kinder aufpasst. Damit sie mehr arbeiten kann. Trotz allem wird sie ausziehen müssen. Ob sie etwas wieder etwas in der Stadt findet, sie weiß es nicht. Auf jeden Fall keine 3 Zimmer. Nichts in der Preisklasse.

In unserem Weltbild sind Umwelt und Soziales oft als Luxus abgespeichert. Eine Sache, die der Mensch machen kann, wenn halt sonst nichts zu tun ist. Und der Mensch regt sich auf, beim Abendessen oder dem Bierchen danach, dass das ja alles nicht so weiter geht.
Luxus für meine Freundin ist eine halbe Stunde Freizeit. Sie hätte gern mal wieder Zeit Sport zu machen, ein Mal die Woche wenigstens. Doch das ist nicht drin. Jeder Groschen muss drei Mal umgedreht werden. In solchen Momenten wird mir klar, wie viel Verantwortung wir tragen. Wir als Menschen, denen so viele Türen offen stehen. Es ist nichts anderes als unsere Pflicht die Schlösser auszutauschen, zu kämpfen für das Recht von jedem auf seinen kleinen Luxus, sei es auch nur 10 Quadratmeter grün und ein Mal die Woche joggen.
Ups. Jetzt ging es doch wieder irgendwie um Freiheit und so.

Es fängt an mit einem Monument

Ich habe letztens von einer ehemaligen englischen Kolonie gelesen, die einfach allen Asylanten bei ihrer Ankunft Arbeitsrecht und teilweise sogar eine neue Identität gegeben hat.  Den Menschen, die vor Hunger und Krieg in ihrer Heimat flohen, wurde die Möglichkeit gegeben, sich mit ihren Talenten einzubringen. Interessante Idee, natürlich wirtschaftlich nicht tragbar, wie das beschriebene Experiment aus der „dritte Welt“-Nation U.S.A. zeigt.

Wir müssen nicht streiten. Wir müssen nur erinnern.

Wir hören heute täglich von Problemen mit Flüchtigen. Die Stimmung in überfüllten Heimen ist ohne Beschäftigung nicht gut, die Stimmung in der Umgebung noch schlechter, weil „die ja nichts tun für ihr Geld“. Keine 5€ am Tag, aber es geht ja nicht um Fakten.

Auf der anderen Seite hören wir von Landflucht, Fachkräftemangel und Bevölkerungsschwund. Where is the fucking problem?
Wenn Menschen ein Problem sind, machst Du etwas falsch.
Ich habe mit vielen Flüchtlingen geredet. Jeder wollte nichts, als ein normales Leben führen: normal arbeiten, normal wohnen, Geld an seine Verwandten schicken. Warum sollten wir diesen Menschen nicht die Chance geben, die Probleme in diesem Teil der Welt zu lösen?

Ich finde, die Debatte wer jetzt wie viele Flüchtlinge mit wie viel Geld ausstattet und wohin schiebt, ist völlig absurd. Allein das Ziel der Flüchtigen eines fernen Tages „geduldet“ zu werden, zeigt, dass Integration gar kein Thema ist. Diese Personen werden von der Politik als Fremdkörper behandelt und von unreflektierten Personen natürlich auch so wahrgenommen. Wie wäre es, wenn wir ein Symbol schaffen, dass diese ganze Debatte auf einen konstruktiven Weg lenkt? Ein Monument als Erinnerung, was für Türen Migration öffnen kann?

Wie wäre es mit einer europäischen Freiheitsstatue? Mitten auf Lampedusa ein Zeichen, das mit einem nie erlöschenden Feuer  in die Finsternis der Nacht verkündet: „Hier ist ein Platz für Euch! Bringt Eure Familien! Bringt Eure Talente! Wir machen das Beste aus der Zeit, in der Ihr hier seid.“
Wo ist unsere?
Das wäre doch mal ein Crowdfunding-Projekt!

König sein

Als uns in der dritten Klasse erzählt wurde, dass die Könige im 16. Jahrhundert es als Luxus empfanden, sich anziehen zu lassen, konnten wir uns nicht mehr halten vor Lachen. Jemand, der nicht mal in der Lage war, sich selbst zu kleiden, wollte König genannt werden? Uns war klar: Ein wahrer König kann tun und lassen, was er will. Wir waren so unendlich stolz darauf, uns nicht mehr von anderen bedienen lassen zu müssen.
Dieser Stolz ist schnell verflogen. In der verzweifelten Hoffnung als wertvoll gesehen zu werden, lassen wir uns fahren, lassen für uns putzen, lassen uns unser Essen bringen.

Zeit für wahre Könige

Als ich grade eine einzige, knallrote Tomate mit großer Ähnlichkeit zu einem Ballon-Pudel direkt von meiner Pflanze in meinen Mund schieben konnte, war sie wieder da: die Krone der Unabhängigkeit.
Versteht mich nicht falsch. Ich glaube nicht, dass absolute Selbstversorgung der Weg zu einer besseren Welt ist. Nicht alles was mir gefällt, kann ich selber anbauen. Nicht alles, was ich habe, brauche ich selbst. Aber wenn ich etwas annehme, dann nicht von einem Sklaven, sondern nur von einem wahren König.

Meine Woche Utopie

Wenn ich irgendwann als alter Mann mit grauen Haaren auf den Sommer 2015 zurückblicke, wird es die gelebte Utopie sein, die mir in Erinnerung bleibt. Eine Reise gen Horizont mit den Haltestellen Utopival und POC21.

Ich hatte das Glück einer der 100 Teilnehmer beim Mitmachkongress nah Köln zu sein. Eine Woche veganes, geldfreies und solidarisches Leben. Aber das sind Worte aus dieser Welt, die diese Erfahrung beschreiben. Ich muss einfach sagen:

Diese Woche hat mein Leben verändert. 11822430_10155911773275274_8645654581478109494_n

Nicht wegen der liebevoll vorbereiteten und bereichernden Workshops, dem umwerfenden Essen für 0€ oder  adsjfhaklsdjfhö. Es war ein Blick durch das Schlüsselloch: In eine Welt, in der Menschen den ganzen Tag tun können, ohne dabei zu arbeiten. Ein Ort, an dem jeder voll und ganz in der Gemeinschaft aufgehen und doch er/*sie selbst bleiben konnte. Ein Platz, an dem Solidarität keine leere Worthülse, sondern gelebte Realität war.
Geweckt wurde man von der Sonne oder von spanischem Liebesliedern, die eine Utopistin zärtlich hauchte, während sie mit Gitarre von Zelt zu Zelt hüpfte, um die Träumenden in den  gelebten Traum zu locken. Ein kleiner Sprung in den Bach belebte die Sinne ungemein, besonders den Sinn für die Schönheit des Lebens. Für einhundert Menschen zu kochen, war keine Arbeit. Man schnippelte, lachte, trank Tee und sprach über keinen Gott und die Welt. Im morgendlichen Plenum nahmen wir uns gemeinsam den Ernst des Morgens. Wir tanzten Unsinn, sangen Unsinn und hatten einfach Spaß. Selbst der letzte Morgenmuffel musste sich geschlagen geben, als das Organisations-Team anfing, laut „Achukuleletonga“ schreiend durch die Luft zu fuchteln.

Aber das alles klingt jetzt nach gut gelungener Klassenfahrt. Doch in den Workshops und am Lagerfeuer entwickelte sich eine mir bis dahin unbekannte Form der Verschmelzung. Als beim „Dragon Dreaming“ eine Dame schilderte, wie sie vor zwanzig Jahren Flüchtlingsheime vor Übergriffen schützte und wie angsterfüllt sie die neuen Tendenzen in Europa sehe, füllten sich alle Augen im Raum mit Tränen. Ein zwar unsichtbares, aber auch unzertrennliches Netz der Empathie spannte sich zwischen allen Menschen. Genauso als beim Lagerfeuer nur das Knacksen des Harzes zu hören war und irgendwo aus unseren Reihen plötzlich ein Summen ertönte: eine leichte, liebevolle Melodie, die sich immer weiter ausdehnte, anschwoll und sich dann langsam wider verlor, bis jeder fühlte, was die anderen meinten, wenn sie sagen: „All I want from you is for ever to remember me as loving you.“ Ich habe viel Musik gemacht, meinst mit einem Dirigent oder Leader an der Spitze. Doch nie war das Gefühl der Verbundenheit so groß wie in diesen Augenblicken beim Utopival. In jedem Moment schienen sich die Ohren aller auf den Redenden zu konsentieren, mit dem wahrhaftigen Verlangen, ihn*/sie zu verstehen.

Es fällt mir sehr schwer, diese Woche in Worten zu beschreiben, die ihr gerecht werden. Es war einfach schön, einfach geben zu können, ohne gefragt zu werden, warum man das tut. Es war einfach schön sich zu wildfremden Leuten zu setzen und sofort ein gemeinsames Ziel zu erkennen. Es war einfach schön mit so vielen Menschen zusammen zu träumen. Und wie es in dem berühmten Sprichwort heißt, wurde der Traum deswegen auch nur für einen Augenblick für uns alle Realität.