Reisebericht

Mein Reisebericht untergliedert sich in zwei Teile:

  1. Die Stadt: Budapest ist wunderschön. Die liebevoll verspielte Architektur hält die Erinnerung an die einstigen goldenen Zeiten der Stadt lebendig. Jedes Haus ein bewohntes Kunstwerk. Verschnörkelte Säulen, Dächer im Pariser Stil, abblätternder Putz und eingeschlagene Scheiben. Der allmächtige Künstler Zeit schafft so eine der verklärenden Nostalgie gemischt mit Trauer über die Vergänglichkeit aller Dinge. Zwischen diesen Mahnmalen der Vergangenheit spriesst die Hoffnung auf Zukunft. Die Stadt ist ein Mosaik der Kulturen. Im jüdischen Viertel bringt bezahlbarer Wohnraum Künstler, Studenten und Neugierige aus aller Welt zusammen, die in den zahlreichen Hinterhöfen eine unwiederbringliche Atmosphäre der Kreativität und Lebensfreude erschaffen. Einheimische Modeboutiquen seaumen die Strassen, aus den Pubs schallt ungarischer Blues. Die Busse und Bahnen scheinen allesamt noch aus Sovjiet-Zeiten, doch lösen sie sich an den Haltestellen fliessend ab und bringen den erstaunten Touri mit einer Fahrkarte für etwa einen Euro an jedes liebenswerte Ende der Stadt. Die Obdachlosen sind aufdringlicher als in Berlin. Aus ihren Augen spricht keine Betäubung, sondern bittere Entbehrung. Sie singen nicht, laufen von Tisch zu Tisch, um nach Essen zu fragen oder liegen still auf der Erde, zu Gott betend, dass sie den nächsten Tag erleben. Wer gern gut isst, sich in Bars und Clubs wohl fühlt und den Arichitekturliebhaber in sich entdecken will, ist in Budapest bestimmt gut aufgehoben. Im Bus lässt es sich mit einer Nachtfahrt oder einem kurzen oder auch längeren Stop in Prag bequem von Deutschland aus erreichen.
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  1. Air B ’n’ B:

Share-Economy ist eine super Sache. Die heutige Technologie macht es so einfach wie nie Verschwendung zu vermeiden: Du bist in den Ferien? Lass doch jemanden in deine Wohnung! Du hast zu viel gekocht? Lad’ doch jemanden unbekannten ein! Teilen ist Trend. Teilen ist schlau. Teilen ist Zukunft. Und dann gibt es Air B’ n ‘ B. Eine der vielen Firmen, die diesen Tarnmantel für ihre Profitgier mitbrauchen. Statt leerstehenden Wohnung durch kurzzeitige Vermietung Leben einzuhauchen oder gar eine Couch gratis anzubieten, verführen diese Pseudo-Sharing Seiten dazu, Wohnungen in den beliebtesten Bezirken zu inoffiziellen Hotels umzumogeln. Dass dadurch lokale Gastgeber ihre Existenz verlieren und so systematisch die Szene aus den Szenevierteln verdrängt wird, scheint nebensächlich. Wie erschreckend die Korrelation zwischen dem Portal und der Gentrifizierung sind zeigt Airbnb vs. Berlin.Trotzdem sind wir, ich war in der Minderheit, in einer solchen Wohnung untergekommen. Einer Wohnung, der jegliches Leben fehlte: die Decke hatte einen Wasserschaden, an Wasserhahn und Dusche fehlten die Drehknöpfe. die Küche war unaufgeräumt und ziemlich versifft. Nicht, dass ich eine sterile Wohnung will, im Gegenteil!

“Ich will Fremde in der Fremde” Unbekannt

Ich teile mir die Wohnung mit jemandem, um eine Stadt möglichst von innen kennen zu lernen. Dann auf einer Couch zu schlafen, ist kein Problem. Für ein authentisches Erlebnis nimmt man das in Kauf. Aber abgetrennt von der echten Stadt ohne Luxus ist ein schlechter Kompromiss. Und so haben wir zwar die Stadt genossen, aber keinen Ungaren so richtig kennen gelernt. Vielleicht beim nächsten Mal. Denn ein nächstes Mal wird es auf jeden Fall geben.

Grenzenlos

Der Tee ist schon lange alle und doch fließt das Gespräch weiter, natürlich, ehrlich. Das goldene Licht der Laternen relativiert Zeit und Raum. Wir verlieren uns in den Geschichten ihres Vaters. Wie er nächtelang mit seinen Kumpels von Bar zu Bar zog, wie ihn die Musik sein Leben lang begleitete. Und dann, keiner rechnet damit, laufen Tränen seine Wangen herunter, verlieren sich in seinem weisen Bart. Nie hat er es seiner Tochter erzählt: Eines Tages konnte ihn nichts mehr halten. Als er erfuhr, dass es möglich war; dass die Freiheit greifbar war, fuhr er einfach los. Mit seiner Freundin. Im Juli ´89. Auf dem Weg nach Ungarn nahmen sie einen Vater mit vier-jährigem Sohn mit. „Sein Motorrad war liegen geblieben, der Arme!“ Aufregung hätte er keine verspürt. „Dafür hatte ich viel zu viel zu tun. Man musste ja immer aufpassen, ob Bullen kommen, wer einem helfen kann, wo es jetzt hingehen soll.“ Bis fast zur russischen Grenze fuhren sie, da würden sie keinen erwarten. In einem Lokal erfuhren sie dann von einer Frau, die sie über die Grenze bringen würde. Sie führte sie mitten auf ein Feld, auf einen kleinen, von Bäumen geschützten Hügel. Ihr ursprünglicher Plan war nicht aufgegangen, sie brauchten eine Alternative. Ein Zufall kann es nicht gewesen sein, so sagt er, dass in diesem Moment ein Trecker genau zu diesem Hügel fuhr. Lange schaute der Fahrer sie an, nachdem er ihre Geschichte gehört hatte. Nach einigem Überlegen sagte er entschlossen: „Ich habe ja auch drei Kinder.“
Die ungarischen Offiziere seien so nett gewesen, wie wenige Menschen, die er je kennengelernt hatte. „Deren erste Worte waren: ´Ungarn ist ja auch ein freies Land.´“ Und dann hat er uns Asyl gegeben.“ Anschließend wurde extra für sie ein Ofen angefacht und frische Brötchen geholt.

Freunde zurücklassen, Familie zurücklassen, das ganze vergangene Leben, die eigene Identität zurücklassen. Noch heute treibt es dem erwachsenen Mann Tränen in die Augen davon zu erzählen.

Die Menschen hätten alles Wissen der Welt, hätten sie nur ein Gedächtnis. Oder würden sie dem anderer Menschen lauschen.

In Hungersnöten wurden deutsche Flüchtlinge aufgenommen. In beiden Weltkriegen wurden deutsche Flüchtlinge aufgenommen. Aus der kommunistischen Diktatur wurden deutsche Flüchtlinge aufgenommen. Heute erfinden wir Kategorien wie Wirtschaftsflüchtlinge, nützliche Flüchtlinge. Können wir uns nicht erinnern, können wir nicht zuhören, was es einen jeden kostet, seine Heimat aufzugeben? Nach Krieg, Hunger und Unterdrückung ist eines Selbstverständlich: Gastfreundschaft.
Worauf warten wir noch? Ich arbeite grad beim Bäcker. Ich mach die Brötchen.

¡Viva la evolución!

Es scheint in jeder Debatte zu geben: Er hat irgendwann mal etwas von einem Darwin gehört, irgendetwas von wegen „Der Stärkste setzt sich immer durch.“ Und in dem man angebliche „Naturgesetze“ eins zu eins auf dem Menschen überträgt, lassen sich die wildesten Theorien begründen. Er sieht Hunger, Krieg und Genozid als klaren Teil des natürlichen Laufes der Dinge an. Zugegeben: Evolution ist schon eine coole Sache. Ein Beispiel: Zwei Löwen, eine Gazelle. Der schnellere Löwe isst, überlebt und trägt seine DNA weiter. Dadurch gibt es in der nächsten Generation automatisch mehr schnellere Löwen.
Wenn aber zwei Bäcker in einer Straße stehen, heißt das aber nicht unbedingt, dass einer von ihnen sterben muss. (Interessanterweise machen sogar meiste beide Läden so mehr Gewinn.) Glücklicherweise haben wir die Zeit der notwendigen Konkurrenz überwunden: wir produzieren Essen für ca. 13 Milliarden Menschen, Medikamente für fast jede erdenkliche Krankheit und können fast jedes Wasser der Welt trinkbar machen. Und doch gibt es täglich Hunderttausende, die verhungern, verdursten oder an heilbaren Krankheiten sterben. Brauchen wir also wirklich weiter eine sozialdarwinistische Denke, auch ohne tatsächliche Konkurrenz? Darwin war nicht bei weitem nicht der einzige Evolutionsforscher. Über Jahrzehnte war die Theorie Lamarck´s in wissenschaftlichen Kreisen anerkannt. Diese besagte, dass jedes Tier, dass sich ein Ziel setzt, dieses nach und nach durch punktuelle Stärkung der Fähigkeiten und Fitness auch erreichen kann. Er ging auch davon aus, dass diese neu erlernten Fertigkeiten auch vererbbar sind. Das trifft natürlich auch Löwen oder Gazellen nur bedingt zu, auf den Menschen aber alle mal.
Deshalb möchte ich hiermit feierlich eine neue gesellschafts-biologische Strömung begründen: den Sozial-Lamarckismus. Es sind die geforderten Fähigkeiten und Fertigkeiten, die sich durchsetzen. Wenn wir in der Schule lernen, Ellenbogen auszufahren, wird sich dieses Merkmal durchsetzen. Wenn wir als Menschheit uns das Ziel setzen Ungleichheit im Sinne aller zu bekämpfen, dann werden wir es erreichen.

Wir müssen nicht die Menschen auslesen, sondern die Ideen. – Joda

Das Gute ist: für fast alle Probleme dieser Welt haben wir die nötigen Fähigkeiten und die Kraft allemal. Wir brauchen nur das richtige Ziel.